Der Niederländer Maarten Janssens verteilt seit einigen Jahren über seine Homepage www.3eyedbear.com witzige Papierfiguren. Und zwar nicht zum bestellen, sondern einfach zum ausdrucken und selber basteln. Im Interview erzählt der Künstler über seine Inspirationen und den demokratischen Gedanken hinter seiner Arbeit.

Erzähle uns ein bisschen über dich: woher kommst du und was hast du so bisher in deinem Leben gemacht?

Hallo, ich bin Maarten Janssen, ich lebe und arbeite in Amsterdam. Ich wollte schon in ganz jungen Jahren unbedingt ein Comic-Zeichner werden und begann auf einfach alle Oberflächen zu kritzeln, die mir unter die Finger kamen. Daher gab mir meine Mutter schon sehr früh Papier zum malen und als ich neun Jahre alt war, veröffentlichte ich mein erstes Spiderman Mini-Comic in einer ansässigen Bücherei. Im Alter von 15 wurde ich schon offiziell als „Hollands größtes Comic-Talent“ gehandelt und dann mit 22 erfüllte sich mir mein Kindheitstraum: Ich wurde ein Zeichner für das Donald-Duck-Magazin. Ein Volltreffer! So habe ich über zwölf Jahre lang für Disney gearbeitet, lernte dort mein Handwerk, aber merkte irgendwann, dass mein großer Traum auf einmal zur „Arbeit“ wurde. Also kündigte ich den Job, um neue Herausforderungen im Bereich der Animation zu finden. Ich erkannte für mich, dass ich mir ein neues Hobby suchen musste, um das verlorene zu ersetzen. Ich suchte nach etwas Neuem, bei dem ich mich völlig frei entfalten konnte. Zufällig entdeckte ich auf japanischen Websites diese kleinen Paperkits, als ich nach einer Bauanleitung für ein Papier-Puppenhaus für ein Projekt suchte. Sie basierten auf technischen Konstruktionen und Design-Elementen (mein Vater war Erfinder), kombiniert mit dem mir vertrauten Material Papier. Damit konnte ich all meine Interessen anwenden und sie wurden für mich ein neues kreatives Betätigungsfeld.

Erzähle uns über das 3EyedBear Projekt. Ich habe gelesen, dass du damit die Welt erobern möchtest. Wann hast du damit gestartet und was ist die Idee dahinter?

Bei Disney begann ich Papierversionen von meinen Figuren zu machen, und da ich visuell für den Webauftritt des Magazin verantwortlich war, erkannte ich, dass die Paperkits und das Internet ganz wunderbar zusammenpassten. Also begann ich das Projekt 3EyedBear und erfand viele kleine Papierkreaturen in jeder freien Minute. Das ist nun etwa sechs Jahre her, aber es birgt für mich nahezu unerschöpfliches Potenzial.
Die Welt zu erobern ist einfach: Durch das Internet ist jeder Computer nur eine URL von dieser kleinen, fantastischen Papierwelt entfernt. Ich denke, der beste Weg, seine Ideen zu verbreiten (in einem positiven Sinne)ist, kostenlose Geschenke zu verteilen. Das Internet wurde erfunden um Dinge zu teilen, ob nun Geschichten, Programme, Filme oder Musik. Ich teile eben dreidimensionale Objekte. Und mittlerweile verbreiten sich die meine Modelle an weit entfernten und exotischen Orten, von denen ich noch niemals zuvor gehört habe. Schnell begannen andere Künstler mit mir zusammen zu arbeiten und erkannten, dass es buchstäblich eine extra Dimension zu entdecken gibt. Es ist sehr spannend.

Und die Idee hinter alle dem? Ich bin mir bisher noch nicht sicher, für mich geht es nur darum, Spaß zu haben, neue Leute zu treffen, mit ihnen zusammen zu arbeiten und das Feedback zu genießen. Ich bin überzeugt, es hat irgendeine Bedeutung (für mich hat es die in jedem Fall) aber ich lasse das lieber schlaue Leute herausfinden, während ich mich mit neuen Modellen beschäftige.

Was ist das Besondere an dem Material Papier? Und was ist daran wichtig für deine Arbeit?

Ich mag Papier wegen seiner puren ästhetischen Erscheinung. Für mich ist es besonders und rein. Papier gibt es in jeder beliebige Größe, Farbe und Struktur. Man kann darauf malen oder es bedrucken. Egal wo ich bin, es gibt immer Papier in Reichweite. Wie ich erwähnte, bekritzelte ich schon früher alle Papiere, die mir in den Weg kamen. Ob nun Pappkartons, Tapeten oder  freie Flächen in glänzenden Magazinen. Ich mag sogar den Geruch des Papiers und man kann Papier so einfach gestalten. Ich habe schon unglaubliche Theater-Kulissen aus Papier gesehen, und sogar eine Büroeinrichtung komplett aus Papier! Und mir gefällt der ökologische Aspekt in dieser von Plastik geprägten Welt.

Deine Arbeiten wurden schon in Museen ausgestellt und in Büchern präsentiert. Siehst du dich selber mehr als ein Künstler oder als ein Handwerker – oder gibt es da keinen Unterschied?

Nun, ich denke, ich bin beides. Besonders das Erfinden der Modelle sehe ich als Kunst an. Aber dann muss ich die Ideen umsetzen und benötige meine Bastelsachen. Am Anfang habe ich geglaubt, jeder könne Paperkits herstellen und theoretisch glaub ich das auch immer noch. Allerdings gibt es unter all den Designern nur sehr wenige, die einzigartig oder innovativ sind. Diese sind jedoch die wirklichen Künstler. Die meisten Sachen sind nachgemachte Ideen. Manchmal entsteht daraus eine völlig neue, frische Idee, aber meistens denke ich: “Nun, ich fand das Original besser.” Es macht mir aber nichts aus, denn auch meine ersten Modelle waren stark an japanischen Vorgängern angelehnt. Und ich halte junge Designer immer an, existierende Modell zu kopieren, um sie zu verstehen. Allerdings ist der Erfindergeist für mich essentiell für die Kreativität und ein wichtiger Bestandteil von Kunst.

Ich muss sagen, dass ich in Museen, Büchern und Ausstellungen präsentiert wurde, klingt “sexier” als es wirklich ist. Klar fühle ich mich geehrt, aber es ist nun mal das “Nationale Museum der Druckkunst” und nicht das “National Museum of Modern Art”. Und die Bücher zahlen mir nichts für meinen Beitrag. Ich bemerke außerdem, dass die Dinge, die ich tue, nicht unbedingt das sind, was Kunst-Kritiker sehen wollen. Sie suchen nach Objekten, die vielleicht zerstört, zumindest aber verstörend sind, ansonsten können sie nicht mehr dazu sagen als: “Es sieht nett und freundlich aus”. Sie bewerten es als anspruchslose Unterhaltung, was es im Grunde genommen auch ist. Aber das ist alles ok, ich bin glücklich wie die Dinge sind. Ich tue was ich gerne mache, ob nun Kunst oder nicht.

Warum denkst du, ist diese Bewegung so groß und es gibt so viele Leute weltweit, die ihre Kretivität mit Paperkits zeigen?

Wie ich schon erwähnte, ist die Paperkit Bewegung momentan in der dritten großen Welle. Die erste Welle bestand aus Künstlern, die das angestaubte jahrhunderte alte Handwerk der Papierspielzeuge in eine moderne Home-Computer-Welt überführten. Dabei wurden sie von Druckerfirmen wie Canon und Lexmark unterstützt, die Farbpatronen verkaufen wollten. Die zweite Welle bestand aus professionelle Designern die einen künstlerischen Anspruch in die Modelle bringen wollten. Sie waren insbesondere durch die Pictoplasma-Bewegung, Charakter-Design, sowie Vinyl-Toys und die Streetart inspiriert. Die dritte Welle nun bildet sich aus vielen jungen aufstrebenden Designern, die die Paperkits in das Blickfeld von immer mehr Bereiche rücken.

Paperkits herzustellen muss nicht sehr kompliziert sein und jeder kann heutzutage schnell einen kostenlosen Blog starten um seine Ideen zu teilen. Wenn ich nachts schlafe, bastelt die andere Seite der Erde und so bekomme ich schon am nächsten Morgen brandaktuelle Fotos von meinen neu herausgebrachten Modellen. Kinder erkennen sehr schnell den Spaß an der Sache und außer ein paar Flecken tief in Afrika, werden heutzutage an jedem Ort der Erde Paperkits gebastelt. 3D-Objekte kennen keine Sprach-Barrieren, sie sind nicht kompliziert oder teuer und durch das Internet werden sogar die physikalischen Grenzen aufgelöst. Das Beste für mich, das die dritte Welle mit sich bringt, ist die kulturübergreifende Verbreitung und eine globale Kommunikation. Jeder kann mitmachen und hat die gleichen Chancen. Es ist also sehr demokratisch. Ich liebe das!

Was denkst du über die ganzen “Erwachsenen Spielzeuge” wie KidRobot? Wollen wir niemals wirklich erwachsen werden? Und wie steht es mit deiner kindlichen Inspiration?

Diese Peter-Pan-Philosophy ist schon eine Weile in Mode. Die Idee klingt super, aber in der Realität benötigen wir nun mal Erwachsene, die erwachsene Entscheidungen treffen. Ich klinge jetzt vielleicht wie ein alter Nörgler, aber wir können nicht unser ganzes Leben lang nur feiern. Das ist so dekadent in den Zeiten, in denen es immer noch wirklich ernste Probleme weltweit zu lösen gibt. Ich bin wirklich beängstigt darüber, dass nur so wenig intelligente Leute Verantwortung übernehmen wollen.

Ich muss allerdings dazu sagen, dass ein wichtiges Element der Kreativität aus einem kindlichen Entdeckerdrang kommt, von denen einige Leute nun mal viel haben. Aber es tut ja niemandem weh, sich an diese sorglose Zeit zu erinnern, in der es noch keine wirklichen Problem gab und die Sonne immer schien. Ich liebe KidRobot und ich liebe die Idee, selber wirkliche Kunst zu einem zahlbaren Preis zu erwerben. Sie sind eine wirkliche Inspiration für viele befreundete Paperkit-Künstler. Ich selbst bin auf Plastik nicht so versessen. Aber Inspirationen gibt es an jeder Ecke. Ich bringe das Horror-Magazin “Bloeddorst” mit dem selben Spaß heraus, wie ich meine Papier-Figuren erfinde. Allerdings kommt diese Inspiration sicher nicht aus meiner Kindheit.

Und was wird die Zukunft bringen, was sind deine Pläne?

Mein Pläne entwickeln sich täglich neu. Der Weg wird der gleiche bleiben: Ich teile meine neuen Paperkits mit jedem, der sie basteln mag. Vielleicht werden mir die Sterne irgendwann erzählen, meine Modelle in ein anderes Medium oder andere Maßstäbe zu überführen. Ich entwickle eine Blue-Screen-Show mit Schauspielern in Papierkostümen in einer Papierumgebung, aber das Projekt liegt grad auf Eis. Ich plane Ende des Jahres ein Comic-Buch zu veröffentlichen. Das ist die Art, wie ich arbeite und ich bin glücklich, wenn eine von zehn Ideen heranwächst und am Ende ausgeführt wird.
Solange ich noch mag, was ich tue, wird 3EyedBear lebendig bleiben. Meine Besucher wissen, dass ich nicht jeden Tag einen neuen Bastelbogen herausbringe. Momentan sind ca. fünf Modelle in Produktion. Aber nur mit den Papiermodellen kann ich ja nicht überleben, von daher gibt es auch immer noch meinem regulären Job.

Danke an Maarten für die Antworten und die Fotos!

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