Das Label Rafinesse & Tristesse ist mir bei Dawanda aufgefallen, doch ich habe schnell gemerkt, dass mehr hinter den tollen Olivenkanister-Hockern steckt. Daher habe ich nachgebohrt und Petra, ein kreativer Kopf hinter der deutsch-schweizerischen Upcycling-Marke, hat mir meine Fragen beantwortet. Lest in dem spannenden Interview, was die beiden antreibt, was sie von Nachhaltigkeit halten und wie wichtig die Zusammenarbeit mit sozialen Einrichtungen für ihre Möbelstücke ist.
Als Erstes erzählt mir doch etwas über euren Werdegang. Wo liegen eure Wurzeln, welchen beruflichen Werdegang habt ihr bisher hinter euch?
Unsere beruflichen Wurzeln liegen ganz woanders: Karin ist ursprünglich Lehrerin für Kinder mit Behinderungen, ich bin Journalistin und habe als Autorin für Dokumentarfilme gearbeitet. Wir haben beide schon immer gerne restauriert und mit unterschiedlichen Matrialien gearbeitet und gebaut. Eines Tages entstand die erste Kinderküche aus einem Olivenkanister für die Tochter von Karin. Unser Freundeskreis war so begeistert, dass wir weiter an den Küchen feilten und eine erste Austellung in Berlin-Kreuzberg hatten. Und auf einmal wurde es ein Selbstläufer. Wir wurden für eine nächste Austellung eingeladen und entwarfen erste Hocker. Wir sind auf so viel Begeisterung gestoßen, dass wir weitermachten und uns für Wettbewerbe und Messen bewarben und überall eine positive Resonanz bekamen. Irgendwann mußten wir uns entscheiden, denn lange kann man nicht in zwei Berufen alles geben und wir wussten beide, dass wir unsere Firma weiter aufbauen möchten.

Woher kommt die Affinität zum Re-, Upcyclen? War sie schon immer da? Und wie seht ihr den allgemeinen Trend zu Nachhaltigkeit und bewussterem Umgang mit Konsum und Gütern?
Ja, wir haben beide immer gerne alte Sachen wieder aufgemöbelt und ihnen neuen Glanz gegeben. Es gibt so viele schöne und auch nützliche Materialien, die im Müll landen. Uns hat dies inspiriert und wir haben geschaut, was man aus alten Materialien noch alles bauen könnte. Mir liegt die Mentalität fern, ständig etwas wegzuschmeißen und gegen etwas Neues auszutauschen. Ich schaue auch lieber nach einem langlebigen guten Produkt als viele günstige Dinge zu kaufen.
Ich bin froh, dass es ein wachsendes Interesse gibt für das Thema Nachhaltigkeit, denn es ist unumgänglich, dass wir uns damit auseinandersetzen und vor allem auch umsetzen.

Und wie seid ihr zu eurem Namen gekommen?
Unsere Männer haben uns so schon in den Anfangsphasen genannt als wir noch verschiedene Materialien probierten und lauter Prototypen entwickelten. Mal gelang der Einen etwas Geniales und die Andere warf ihren Versuch in den Müll und umgekehrt. So hießen wir mal rafinesse und mal tristesse. Als wir dann unsere Firma gründeten und ein Name gefunden werden mußte, behielten wir diesen Namen einfach. Denn ich finde er steht im übertragenenen Sinne sehr gut für das, was wir machen. Wir bauen aus Müll – tristesse -  mit Idee und Phantasie wieder etwas schönes neues – rafinesse – .

Was gibt es zuerst – die Idee des fertigen Stücks und ihr überlegt, woraus ihr es machen könnt, oder das “Material”, dem ihr eine neue Verwendung gebt?
Fast immer steht zuerst das Material. Manchmal werden wir gebeten, etwas Bestimmtes anzufertigen und dann machen wir uns auf die Suche. Ein Restaurant aus Berlin wollte zum Beispiel Aschenbecher. Wir haben alte schöne Tassen von Trödlern aufgekauft, in die Unterseite der Tasse ein Loch gebohrt und nun ist sie kopfübergestellt auf dem Unterteller ein idealer Aschenbecher.

Was ist euch wichtig bei dem Ergebnis? Die meisten Stücke sind nutzwertig – und sehen dazu auch noch gut aus…
Wir wollen bei so vielen Materialien wie möglich recyceln, diese sehr hochwertig verarbeiten und am Ende ein nützliches und schönes Produkt anbieten.

Euer Hocker entsteht in Zusammenarbeit mit sozialen Projekten. Erzählt mir ein bisschen mehr darüber. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Nachdem wir 2008 auf der ambiente im Talents Bereich gefördert wurden und mit einem unerwarteten Stapel an Bestellungen zurückkamen, war uns klar, dass wir ein Team aufbauen müssen. Auf den Messen haben wir für die Produktion einige Angebote aus Asien bekommen, aber keiner der Produzenten hätte die Kanister weiterhin recycelt sondern einfach neu hergestellt. Auch die langen Transportwege widersprechen unserer Philosophie. Wir wollten am liebsten vor Ort produzieren und gerne zusammen mit sozialen Projekten. Ich habe einfach bei der USE angefragt – einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen. Sie waren sofort begeistert und ich habe mehrere Monate lang ein Team eingearbeitet und Ihnen das Polstern beigebracht. Inzwischen arbeiten wir auch mit der Tischlerei und dem Metallbau der USE zusammen.

Und wie ist die Zusammenarbeit bei euch? Wie ist eure Arbeit aufgeteilt? Ist jeder an der Entwicklung der neuen Produkte beteiligt und werden diese miteinander abgestimmt?
Ja, wir treffen uns regelmäßig und feilen an neuen Ideen bzw zeigen uns neue Prototypen und stimmen diese miteinander ab. Das Schöne ist, dass wir uns blind vertrauen können, da wir uns einig sind was Konzept und Design betrifft. Jeder betreut in seiner Stadt eine Werkstatt, die Produktion läuft also parallel. Bei Karin in Bern sind zwei soziale Projekte eingebunden, Triva und Terria Vecca.

Ihr seid ein interantionales Team aus Deutschland und der Schweiz. Wer sind eure Kunden – wohin gehen euere Möbel auf die Reise?
Wir verkaufen inzwischen weltweit unsere Produkte. Karin beliefert die Schweiz, ich kümmere mich um die EU und um alle weltweiten Bestellungen. Die größte Nachfrage ist in England, Belgien, Holland und in der Schweiz. In diesen Ländern ist ein großes Interesse für das Thema Nachhaltigkeit bzw. Recycling und auch eine große Bereitschaft in solche Produkte zu investieren.

Und wo gibt es die Stücke zu kaufen? Ihr habt ein eigenes Ladenlokal…
Ja, wir haben ein Atelier mit Showroom in Berlin-Kreuzberg und einen Laden in Bern. Außerdem können unsere Kunden auch immer eine Auswahl an Produkten in unserem Onlineshop finden.

Was habt ihr für die Zukunft geplant? Eine komplette Wohnungseinrichtung aus Oliven-Kanistern?
Das wäre natürlich toll. Unser Traum wäre es allerdings in allen Ländern dieser Welt Werkstätten aufzubauen und vor Ort die jeweiligen Verpackungen und Rohmaterialien zu recyceln um daraus neue Möbel zu bauen.


www.rafinesse-tristesse.com

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